„Mein Herz bleibt in Stade“ - Joan Rallo Fernández hört beim VfL auf

02.06.26 – Es ist eine Ära, die da endet beim VfL Stade. Der Spanier Joan Rallo Fernández hat den ambitionierten Basketball in acht Jahren geprägt und gefördert. Warum ist Schluss?

Wenn Joan Rallo Fernández auf die vergangenen acht Jahre beim VfL Stade zurückblickt, spricht der Basketballtrainer nicht zuerst über Vizemeisterschaften, Play-off-Teilnahmen oder große Siege. Er spricht über Entwicklung. Über Wachstum. Über das Gefühl, etwas aufgebaut zu haben. „Das Gefühl, dass die Tendenz positiv und besser war, das macht mich mehr zufrieden über diese Jahre“, sagt der 42-Jährige.

Nach acht Jahren endet im Stader Basketball eine prägende Ära. Der Cheftrainer des Regionalligateams verlässt den Verein aus persönlichen Gründen und kehrt in seine spanische Heimat zurück. Was bleibt, ist weit mehr als die sportliche Bilanz eines erfolgreichen Trainers, der immer höchst engagiert und emotional an der Seitenlinie coachte.

Nur der ganz große Wurf fehlt

Als Joan Rallo Fernández aus der Nähe von Barcelona nach Stade kam, bestand die Basketballabteilung aus 300 Mitgliedern. Heute zählt sie mehr als 450 Akteure. Die Heimspiele im Sportcampus haben sich zu einem festen gesellschaftlichen Treffpunkt der Region entwickelt.

Der Verein etablierte sich als verlässlicher Standort für Talentförderung und erreichte unter dem bärtigen und emotionalen Spanier - seit der Einführung des Modus - vier Mal in fünf Jahren die Play-offs der 1. Regionalliga Nord. 2023 und 2025 sprang jeweils die Vizemeisterschaft heraus. Nur der Aufstieg wollte nicht klappen.

Doch Zahlen allein beschreiben seinen Einfluss nur unzureichend. „Joan hat den VfL sportlich wie menschlich enorm bereichert“, sagt Teammanager Thomas Bolz und fährt fort: „Mit seiner Leidenschaft, seiner Mentalität und seinem unermüdlichen Einsatz hat er unsere Professionalisierung maßgeblich vorangetrieben und stets eine gesunde Mischung aus sportlicher Ambition und gelebter Menschlichkeit gefunden.“

Weiterentwicklung wichtiger als einzelne Erfolge

Interessant ist dabei: Fernández selbst nennt die sportlichen Erfolge nicht als Erstes in seiner persönlichen Bilanz. Viel wichtiger sei ihm, wohin sich der Verein insgesamt entwickelt habe. „Wir sind viel professioneller geworden“, sagt er. „Wir haben die neue Halle, wir haben viele Leute, die samstags zum Spiel kommen.“

Statt einer Revolution beschreibt er die Entwicklung als kontinuierlichen Prozess. „Solid. Besser, besser, besser“, formuliert er es auf seine typisch direkte Art mit dem netten Klang in seiner Dreisprachigkeit aus Deutsch, Englisch und Spanisch.

Besonders in Erinnerung bleiben werden ihm die Menschen. „Die Leute waren immer sehr respektvoll“, sagt Joan Rallo Fernández. Ein Erlebnis aus der vergangenen Saison nennt er beispielhaft. Trotz einer sich deutlich abzeichnenden Niederlage gegen Bargteheide hätten die Zuschauer das Team bis zur letzten Minute unterstützt.

„Die Leute waren immer bis zur letzten Minute bei uns und haben immer gesagt: Nächstes Mal, kein Problem. Das ist unglaublich.“ Dass ihm der Abschied nicht leichtfällt, ist deutlich spürbar, wenn er es so ehrlich formuliert: „Ich bin ganz stolz.“ Auch deshalb, weil er überzeugt ist, dass der eingeschlagene Weg weitergehen wird. Den Verein sieht er stabil aufgestellt – unabhängig von seiner Person.

Eigenen Anspruch nicht mehr gerecht geworden

„Die Tendenz wird positiv bleiben“, so der jetzige Ex-Coach mehrfach im Gespräch. Die Strukturen seien vorhanden, die Philosophie klar, die handelnden Personen eingespielt. „Justin Moradi, Carsten Brokelmann, Thommy Bolz und Franzi Kinder sind unglaublich gut. Sie machen einen tollen Job.“

Zuletzt seien die Belastungen für ihn allerdings größer geworden. Der Spanier spricht offen darüber, seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht geworden zu sein. Deshalb sei nun der richtige Zeitpunkt für etwas Neues gekommen. Auf die Frage, ob ihn der vor wenigen Wochen verabschiedete Spielmacher Francesc Iturria in die Heimat gelockt habe, lacht Joan lauthals und scherzt, er werde auch kein spanischer Nationaltrainer.

Dass er nichts mit dem Abgang zu tun, habe bestätigte Francesc ‚Itu‘ Iturria aus Spanien auf TAGEBLATT-Nachfrage. Ihn habe diese Entwicklung auch selbst überrascht. „Ich wünsche Joan alles Gute und danke ihm, dass er mir die Chance gegeben hat, nach Stade zu gehen. Er wird auch in Zukunft wieder Erfolg haben“, ist sich Itu sicher und fügte noch an, dass sein Landsmann „auch als Coach eine Legende für Stade ist, denn er hat die ganzen Jahre über eine tolle Gruppe von Menschen nach Stade gebracht, die dort Familie geworden sind.“

Der VfL arbeitet derweil bereits an einer Nachfolgelösung. Der Weg, den der Katalane mit aufgebaut hat, soll nach Ansicht der Vereinsverantwortlichen konsequent fortgeführt werden. Dafür dürfte es wohl zur Assistentenlösung kommen. Joans bisheriger Co-Trainer, der Spanier Adria Martin, dürfte wohl in die Chefposition aufrücken.

Der Basketball-Experte kommt ebenfalls aus der Heimat von Joan Rallo Fernández. Für den jetzt ehemaligen Trainer selbst steht fest: Ganz weg werde er nie sein. „Ich werde zwar nicht mehr vor Ort sein können. Aber mein Herz bleibt in Stade und bei diesem Team.“

Quelle: Tageblatt
Foto: Jörg Struwe - picselweb.de

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